Montag, 12. Oktober 2015

Beige Hosen und die Macht der Worte

Am 20. August 2015 geriet Osterode am Harz in Aufruhr. Dank eines WELT-Artikels wurde die Stadt, die von sich selbst behauptet, "um Berge voraus" zu sein, quasi über Nacht zur "Stadt der beigen Hosen" - ja, schlimmer noch: Laut WELT ist Osterode die "deutsche Stadt", die "am schnellsten stirbt". Eijeijei. Was war passiert?

Anlass für den Artikel war die jüngste Bevölkerungsprognose der Bertelsmann-Stiftung. Die darin enthaltenen Daten verheißen nun nichts Gutes für die Entwicklung in Osterode bis zum Jahr 2030. Eineinhalb Monate nach Veröffentlichung dieser Daten hat die WELT das Thema für sich entdeckt und dieses so aufbereitet, dass die geneigten Zeitungsleser/innen am Beispiel der angeblich am schnellsten sterbenden deutschen Stadt die Dramatik sozusagen per Kopfkino frei Haus geliefert bekamen:
Diese deutsche Stadt stirbt am schnellsten
Geschlossene Schwimmbäder, verödete Geschäfte: Osterode am Harz steht exemplarisch für die Landflucht der Jungen. Hier wird mehr gestorben als geboren. Ein Besuch in der Stadt der beigen Hosen.
Empört stürzten sich die Osteroder auf das Klischee der "beigen Hosen" und boten dieser Zuschreibung Paroli durch - zugegeben - humorvolle Aktionen in den sozialen Medien. Alle verfügbaren beigen Hosen wurden aus dem Kleiderschrank gekramt und öffentlichkeitswirksam zur Schau getragen. So weit, so lustig.


Alle haben dabei übersehen, dass sich die WELT gar nicht auf die Prognose-Daten der Stadt Osterode gestützt hat, sondern auf die des Landkreises. Auch ich bin anfangs nicht über diesen Widerspruch gestolpert. Kapiert habe ich es erst, nachdem ich mal nachgeschaut hatte, was anderen Medien zum selben Thema eingefallen war. Und die HAZ öffnete mir die Augen (allerdings bezieht sich die HAZ auf Zahlen der NBank, welche mit ihren Prognosen wiederum in der Vergangenheit immer deutlich zu pessimistisch war):
Osterode - wer will hier noch wohnen?
Osterode ist der Landkreis mit der schlechtesten Bevölkerungsprognose in ganz Niedersachsen. Bis 2035 soll der Kreis 31 Prozent seiner Einwohner verlieren. Doch das hält einige Geschäftsleute nicht davon ab, hier weiterhin zu investieren. Eine HAZ-Ortsbegehung.
Nun war ich neugierig geworden. Hier erfuhr ich nun, welche Städte/Orte zusammen den Landkreis bilden und wie die Einwohnerentwicklung bislang verlaufen ist. Demnach verzeichnete die Stadt Osterode hinter Herzberg die zweitgeringste Verlustquote des Kreises! Nun ja, vielleicht aber sind die zu erwartenden Rahmenbedingungen für Osterode tatsächlich so schlecht, dass sie bis 2030 voraussichtlich den größten Bevölkerungsschwund zu beklagen haben wird? Auch dieser Test zeigt, dass es Städte in Deutschland gibt, die noch deutlich stärker schrumpfen. Nix da mit der am schnellsten sterbenden Stadt in Deutschland. 

Wie also kommt es, dass alle der WELT glauben, was offensichtlich falsch ist? Ganz einfach: Weil wohl jeder in Osterode (offensichtlich sogar der Bürgermeister selbst) es für möglich hielt, was die Zeitung behauptete - und die Aussagen nicht überprüfte sondern sich stattdessen fröhlich daran machte, das Image der beigen Hosen zu polieren. 


In einer sehr ausführlichen Diskussion auf Google+ habe ich (unter dem Namen meiner G+-Seite "lifestyle in grün") mit zwei weiteren engagierten Frauen einmal versucht zu analysieren, wie es eigentlich dazu kommen konnte. Deutlich wurde: Die Macht der Worte ist immens und wer sie einzusetzen weiß, formt die Sichtweise - weil es den meisten eben nicht bewusst ist, was Worte (im positiven oder negativen Sinne) anrichten können.

Mein Versuch, die Original-Überschrift des WELT-Artikels umzuformulieren, landete bei diesen Zeilen:
Neue Einwohner dringendst gesucht
Negativrekord im Bevölkerungsschwund: Osterode am Harz steht exemplarisch für die Landflucht und das stetig steigende Durchschnittsalter. Zu Besuch in einer Stadt, die sich nach mehr Kindern sehnt.
Allerdings hatte auch ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht geschnallt, dass wir korrekterweise vom Landkreis und nicht von der Stadt Osterode sprechen müssen. Aber meine Headline macht sicher deutlich, wie sehr die gewählten Worte unser Kopfkino beeinflussen kann und wie unterschiedlich wir auf den dann folgenden Gesamttext des Artikels eingestimmt sind.

Allen, die beruflich darauf angewiesen sind, verstanden zu werden, lege ich die oben erwähnte Diskussion sehr ans Herz. Aber auch privat könnten wir so manchen Konflikt vermeiden oder mindestens abmildern, wenn wir uns die Macht der Worte bewusst machten.

Hier finden Sie alle meine Beiträge aus der oben genannten Diskussion zusammengefasst - sie enthalten viele grundsätzliche Argumente und Analysen, die helfen können,  die Grundlagen menschlicher Kommunikation besser zu verstehen.

Keine Kommentare:

Kommentar posten

Hinweis für Leser/innen, die hier kommentieren möchten, ohne sich vorher irgendwo anmelden zu müssen: Bitte die Option "Anonym" verwenden und dann den Kommentar trotzdem gern mit (Vor-)Namen "unterschreiben". Besten Dank.